Überarbeitung der ISO 9001 und ISO 14001: Interview mit Mike James und David Lawson

Die ISO 9001 und ISO 14001 werden gegenwärtig von den Technischen Komitees der Internationalen Standardorganisation (ISO) überarbeitet. Mike James, LRQA Managing Director und David Lawson, LRQA Technical Director sprachen über die Fortschritte bei der Überarbeitung beider Standards sowie über die möglichen Auswirkungen der Änderungen auf den Markt.

Im Interview werden der Zeitpunkt und Stand der Überarbeitung beider Normen besprochen. Des weiteren wird die Bedeutung von Anlage SL erklärt. Anlage SL ist eine von der ISO eingeführte übergeordnete Struktur, die eine größere Einheitlichkeit von unterschiedlichen Managementsystemstandards gewährleisten soll.

Das Interview

Frage 1: David Lawson, können Sie erklären, warum diese Standards jetzt überarbeitet werden?

Die Satzung der ISO gibt vor, dass Managementsystem-Standards alle fünf Jahre überarbeitet werden sollen. Dieser fortlaufende Zyklus soll gewährleisten, dass die internationalen Standards relevant bleiben. Unternehmen sollen durch die Anwendung der Standards leistungsfähiger und effektiver werden, indem sie Spezifikationen für Produkte, Dienstleistungen und gute Praxis erhalten. Die Standards wurden in globaler Zusammenarbeit entwickelt und helfen so bei der Überwindung von Hindernissen im internationalen Handel. Zufällig sind bei diesem Überarbeitungszyklus gerade die bekanntesten Standards betroffen, nämlich der Qualitätsstandard ISO 9001 und der Umweltstandard ISO 14001.

In den letzten Jahren wurden immer mehr branchenspezifische Managementsystem-Standards entwickelt, die immer mehr Geschäftsbereiche abdecken. Von der Qualitätsbasis ausgehend, wurden Standards für die Bereiche Umwelt, Arbeitssicherheit, Energiemanagement, Business Continuity usw. entwickelt. Mit der Anzahl der Standards wächst auch der Trend zur Integration.

Frage 2: Gab es außer dem normalen Revisionszyklus weitere Beweggründe für eine Überarbeitung der Standards?

Heutzutage arbeiten viele Unternehmen mit mehr als einem Managementsystem-Standard. Wir bei LRQA sind uns natürlich bewusst, dass diese Unternehmen von der Einführung eines integrierten Managementsystems eine höhere Produktivität erwarten und diese integrierte System, soweit möglich, auch zertifizieren lassen wollen.
Tatsächlich haben die Anforderungen unterschiedlicher Standards oft den gleichen Zweck, formulieren diese jedoch anders. Dies kann zu unterschiedlichen Interpretationen der Normanforderungen und damit zu Verwirrung und Uneinheitlichkeiten in der Umsetzung führen.

ISO hat die Notwendigkeit erkannt, sich über den üblichen Überarbeitungszyklus hinaus mit diesen Uneinheitlichkeiten zu befassen. Daraufhin wurde der ISO Guide 83 entwickelt, Vorläufer der inzwischen von ISO veröffentlichten Anlage SL.

Frage 3: Welche Vorteile bietet die Anlage SL den Anwendern der ISO-Standards?

Anlage SL definiert die Struktur von Managementsystem-Standards. Die verwendeten Begriffe und Texte sollen soweit wie möglich angeglichen werden und Standards sollen identische Titel, die gleiche Reihenfolge von Normabschnitten, Definitionen sowie möglichst viele identische Textpassagen enthalten.

ISO erklärte vor kurzem in einer Pressemitteilung: „Es wird einige Jahre dauern, bis alle existierenden Managementsystem-Standards vollständig vereinheitlicht worden sind. Jedoch hat eine eindrucksvolle Zahl von Standards die neue Struktur bereits angewendet, als diese sich noch in der Entwicklung befand.“

Für Unternehmen wird sich zunächst wenig ändern. Nach und nach jedoch wird Anlage SL die Struktur und den Inhalt von Managementsystem-Standards vereinheitlichen, sobald diese überarbeitet werden. Dies bedeutet auch, dass Anwender bei der Einführung neuer Standards mit vielen allgemeinen Aspekten sofort vertraut ist und sich auf die Besonderheiten des betreffenden Themenbereichs konzentrieren können.

Frage 4: Mike James, können Sie uns etwas zum Inhalt der neuen Struktur sagen?

ISO hat 2012 sowohl Anlage SL eingeführt als auch neue Managementsystem-Standards veröffentlicht, die bereits auf der übergeordneten Struktur beruhen, wie z.B. ISO 22301, die Norm für Business Continuity.

Vor diesem Hintergrund halten wir bei LRQA es für sehr wahrscheinlich, dass die überarbeiteten Ausgaben aller neuen ISO-Standards für Managementsysteme auf der Anlage SL basieren werden. Außerdem werden höchstwahrscheinlich alle bestehenden Managementsystem-Standards bei ihrer nächsten Überarbeitung auf Basis der Anlage SL revidiert werden – einschließlich Qualitäts- und Umweltstandards.

Die Struktur wird aus zehn Abschnitten bestehen, wobei die Formulierungen auf die Zielgruppe jedes einzelnen Standards zugeschnitten werden:

  1. Anwendungsbereich
  2. Normenspezifische Verweise: die beiden Abschnitte 1 und 2 werden Formulierungen enthalten, die sich auf den betreffenden Standard beziehen und das angestrebte Zieles des Standards definieren.
  3. Begriffe und Definitionen: dieser Abschnitt enthält die gemeinsamen Begriffe und grundlegenden Definitionen wie in Anlage SL aufgeführt, sowie diejenigen Begriffe, die sich ausschließlich auf den relevanten Standard beziehen.
  4. Umfeld der Organisation: dieser Abschnitt wird Anforderungen zum Verständnis der Organisation enthalten, die den Standard einführt, die Bedürfnisse und Erwartungen interessierter Parteien und den Anwendungsbereich des betreffenden Standards.
  5. Leitung: das Handeln und der Einsatz der obersten Leitung, die Richtlinien des Standards, Aufgaben innerhalb der Organisation, Verantwortlichkeiten und Befugnisse.
  6. Planung: Maßnahmen für den Umgang mit Risiken und Chancen, die Ziele des relevanten Standards und Pläne für das Erreichen dieser Ziele.
  7. Unterstützung: erforderliche Ressourcen für die Umsetzung des betreffenden Standards, Kompetenz und Bewusstsein der Mitarbeiter, Kommunikation und dokumentierte Informationen.
  8. Betrieb: Betriebsplanung und –lenkung.
  9. Bewertung der Leistung: Überwachung, Messen, Analyse und Bewertung, internes Audit und Managementbewertung.
  10. Verbesserung: Fehler, Korrekturmaßnahmen und ständige Verbesserung. 

Frage 5: David Lawson, inwieweit ist LRQA an der Überarbeitung von ISO-Standards beteiligt?

LRQA ist mit dem gegenwärtigen Revisionsprozess gut vertraut. Wir leisten einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung und Verbesserung von Managementsystem-Standards und den zugehörigen Richtlinien und Auditverfahren. LRQA hat auch durch die Mitgliedschaft im IIOC eine anerkannte Position in der Industrie. IIOC (Independent International Organisation for Certification) ist eine globale Organisation von Zertifizierungsunternehmen für Managementsysteme, deren Vorsitzender Mike James ist.

Unsere Experten arbeiten als Mitglieder in den internationalen technischen Komitees der drei weltweit wichtigsten Managementsystemstandards für Qualität (ISO 9001), Umwelt (ISO 14001) und Arbeitssicherheit (OHSAS 18001) mit.

Frage 6: Was können Sie uns zum zeitlichen Rahmen sagen?

Es gibt sowohl Interesse in den Medien, als auch Spekulationen am Markt zum Stand der Überarbeitung des ISO-Standards. LRQA weiß, dass sowohl Umwelt- als auch Qualitätsstandard in der Phase des Komitee-Entwurfs sind. ISO wird den Status von ISO 9001:2015 am 4. Juni auf Komitee-Entwurf 30:20 ändern, was bedeutet, dass der Abstimmungsprozess begonnen hat. Für den Umweltstandard ist die erste Abstimmungsphase bereits abgeschlossen.

Über den Zeitplan kann man nur mutmaßen. Wir hoffen jedoch, dass 2014/2015 ein Konsens erreicht wird und der endgültige Entwurf (final draft version – FDIS) der ISO 9001 zum Ende 2014 zur Verfügung steht, woraufhin der neue Standard ungefähr ein Jahr später veröffentlicht wird. Es ist natürlich möglich, dass sich Verzögerungen ergeben, wenn man die Anzahl der interessierten Parteien bedenkt. Wenn wir die letzte Überarbeitung der ISO 9001 als Beispiel nehmen, so war die Veröffentlichung ursprünglich für 2005 geplant, der Standard ist tatsächlich erst 2008 erschienen. Das sollte man bedenken, wenn von „festgelegten Fristen“ die Rede ist.

LRQA ist natürlich bestrebt, unseren Kunden weltweit die besten Lösungen für die nahtlose Umstellung auf die neuen Normen zu ermöglichen. Wir werden neue Informationen umgehend veröffentlichen, sobald sie zur Verfügung stehen.

Frage 7: Mike James, wie bewertet LRQA den Fortschritt der Überarbeitung der Standards, und was sind die möglichen Auswirkungen auf den Markt?

LRQA begrüßt den Schritt der ISO, die gemeinsamen Elemente der Managementsystem-Standards anzugleichen, besonders da weitere Normen in Planung oder in der Bearbeitung sind.

Es macht definitiv Sinn, alle Managementsystem-Standards zu vereinheitlichen. Die Veröffentlichung des Anhangs SL im letzten Jahr bedeutet das baldige Ende von Konflikten, Doppelungen, Verwirrung und Missverständnissen bei den verschiedenen Standards. Ich denke, dass LRQA einen Vorsprung bei der Schulung von Auditoren im Zusammenhang mit Anhang SL hat, da wir über langjährige Erfahrung in der Auditierung von Synergien zwischen Risikomanagement und Managementsystemen haben durch die Anwendung unseres Auditkonzepts der LRQA Business Assurance.

Wir glauben, dass unsere LRQA-Auditoren auf der Grundlage der neuen Struktur die Managementsysteme ihrer Kunden ganzheitlich betrachten können.